| 4 BERICHTE: PETER LUDEMANN
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[03.März 2005] [11.April 2005]
Ich möchte mich zunächst einmal an dieser Stelle ganz herzlich bei Peter Ludemann bedanken, der seine Berichte zur Verfügung stellt. Danke!
( Marc Wright im Mai 2005 )
Hermanus (Südafrika), 11. September 2004
Liebe Freunde, Bekannte und Verwandte,
seit Samstag, dem 24. Juli bin ich jetzt bereits in der Camphill School Hermanus. Obgleich die Zeit wie im Fluge vergangen ist, war sie nichtsdestoweniger ausreichend lange und ereignisreich, um mit den Ereignissen und Eindrücken einen Rundbrief zu füllen. Dennoch will ich in diesem Newsletter erst einmal über die Einrichtung, "meine" Kinder und den Alltag informieren; die nächsten Rundschreiben werde ich dann den nicht ganz so alltäglichen Dingen und meinen perönlichen Erfahrungen widmen.
Zuvor möchte ich mich bei all denen bedanken, die mir durch ihre finanzielle Unterstützung mein Freiwilliges Soziales Jahr ermöglicht haben. Ein herzliches Dankeschön gilt auch allen ehemaligen Freiwilligen, die ihren Ersatzdienst in dieser Einrichtung geleistet haben und mich im Voraus mit Informationen eingedeckt haben.
Sehr gefreut habe ich mich über das rege Interesse an meinen Erfahrungen hier in Südafrika. Dem möchte ich jetzt, später als ursprünglich geplant, Rechnung tragen in Form eines ersten längeren Rundbriefes.
Camphill School Hermanus
Umgeben von den hübschen Bergen des Hemel en Aarde Valley nahe Hermanus im Western Cape (Südafrika) liegt die Camphill School and Farm Community. Die Einrichtung befindet sich ca. 120 km östlich von Kapstadt und ungefähr zehn Autominuten vom Atlantik entfernt.
Die Camphill School wurde 1952 gegründet und gehört seit 1957 der 1939 ins Leben gerufenen Camphill Bewegung an. Sie ist ein Zentrum für Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen: junge Menschen mit Down Syndrom oder Lernbehinderung, autistische, epileptische, psychotische, gehirngeschädigte und emotional gestörte Schüler finden hier ein Zuhause. Gut 30 "Students" im Alter von sieben bis um die zwanzig Jahren sind hier rund um die Uhr zu betreuen. Etwa 20 weitere Kinder besuchen tagsüber die Schule, die aus einer ersten, dritten, sechsten und neunten Klasse besteht, oder die Workshops. Wider meinem Erwarten sind recht viele schwarze und colored Kinder dabei (ca. 50 - 75 %). Das trifft inbesondere für die "Day-students" zu, die aus den Townships von Hermanus, Mount Pleasant (colored) und Zwelihle (black), kommen.
Meine Hausgemeinschaft
"Mein" Haus wird von acht zu betreuenden Kindern und sechs Mitarbeitern bewohnt - drei deutsche und ein englisches Mädchen, unser englischer Hausvater und ich. "Unsere" Kids sind zu 75 % colored oder black und zu 25 % weiß, zu 50 % weiblich und zu 50 % männlich, sprechen zu 37,5 % in ganzen Sätzen, zu 12,5 % in teilweise fragmentarischen Sätzen, zu 12,5 % einzelne Worte und zu 37,5 gar nicht, sind zu je 25 % elf und sieben Jahre und zu je 12,5 % 13, 14, neun und acht Jahre alt, was einem Durchschnitt von 9,625 Jahren entspricht - somit sind wir das Haus mit den jüngsten Schülern. Soviel gibt es aus meiner Sicht zur Statistik zu sagen.
Unser Haus befindet sich gerade ein Bisschen in Aufruhr, was sich unter anderem in der regeren Nachtaktivität der Kinder ausdrückt, die man zu spüren bekommt, wenn man ein Mal wöchentlich "Nachtdienst" hat. Der Auszug unserer ehemaligen Hausmutter sowie der Einzug von zwei neuen Mitarbeiterinnen machen den meisten unserer Kinder schon zu schaffen, auch wenn sie es sich nicht immer direkt anmerken lassen.
Walter (Name von mir erfunden)
Ich betreue zwei Kinder, Walter und Thabo (Name von mir erfunden), zu denen inzwischen eine tiefere Beziehung entstanden ist. Beide sind farbig.
Walter wird in wenigen Wochen seinen achten Geburtstag feiern. Er ist ein Adoptivkind, das durch den übermäßigen Alkoholgenuss seiner Mutter während der Schwangerschaft geschädigt wurde (Fetal Alcohol Syndrome). Dies macht sich bei ihm u.a. durch Hyperaktivität und einen für sein Alter unterentwickelten Körperbau bemerkbar. Um es ihm zu ermöglichen sich zu konzentrieren und kontrollieren bekommt er - als einziges Kind in der Camphill School - regelmäßig Ritalin/Ritaphen. Dann wird er innerhalb einer halben Stunde sehr ruhig und schüchtern. Man kann bei ihm von zwei Persönlichkeiten sprechen. Wenn er unter dem Einfluss seiner Medizin steht merkt man, dass er eigentlich ziemlich unsicher ist und einen Rückhalt sowie ein gewohntes, schützendes Umfeld benötigt.
Walter ist ein sehr fähiges Kind und lernt unheimlich schnell, z. B. Schuhe binden und leider allen möglichen Blödsinn. Als er vor einem halben Jahr nach Camphill kam konnte er nur Afrikaans sprechen; inzwischen ist sein Englisch besser als meins. Sein Problem ist, dass er sich nachmittags, wenn der beruhigende Einfluss seiner Medizin nachlässt, und insbesondere abends nur schwer kontrollieren kann. Daher und um ihm ein Gefühl von Sicherheit zu geben muss er noch viel beobachtet und ermahnt werden, obgleich er zunehmend länger auch ohne "Überwachung" sein kann. Momentan versuche ich ihm seine diversen Dummheiten bei den Mahlzeiten abzugewöhnen.
So viel zunächst einmal über Walter - ich werde in meinen folgenden Rundbriefen gewiss auf ihn zurückkommen. Er ist, genauso wie Thabo, einfach ein liebenswertes Kind, obwohl er mir manchmal eine enorme Geduld abverlangt.
Thabo (Name erfunden)
Thabo ist elf Jahre alt und auf der rechten Seite leicht spastisch gelähmt. Er ist sehr sensibel und merkt auch, wenn andere sich nicht wohl fühlen. Er hat eine kurze Konzentrationsspanne und wird leicht aufgeregt, wenn etwas anders läuft, als er es gewohnt ist, wenn wir einen Ausflug machen oder wenn er Autos sieht. Auch muss man ihm stets ankündigen, was als nächstes kommt, da er sonst und auch dann noch leicht blockiert. Obwohl er sich an sich sehr gut benehmen kann, kommt es vor, dass er frech oder stur ist. Er versteht, was man ihm sagt, obgleich er nicht sprechen kann und es ihm schwer fällt, verständlich zu machen, was er sagen will. Er benutzt Gesten und Laute um zu kommunizieren. Manchmal ist es möglich zwischen Wörtern und Lauten zu differenzieren. Seine Gesten sind selbst erfunden, was es schwierig macht sie zu verstehen. Momentan versuche ich sein Repertoire an Zeichensprache zu erweitern. Dazu ist es nützlich, dass wir vom Erstklasslehrer eine Einführung in Zeichensprache bekommen.
Schade ist, dass Thabo Probleme hat seinen eigenen Körper/Muskeln zu koordinieren, was teilweise auf seine halbseitige Lähmung zurückzuführen ist. Daher benötigt er Hilfe insbesondere bei Tätigkeiten, die eine gewisse Feinmotorik erfordern (sich waschen, Zähne putzen, seinen Mund sauber zu schließen, wenn er isst, etc.).
Mein Alltag
Ein gewöhnlicher Wochentag sieht hier folgendermaßen aus: Um 7:20 Uhr werden die Kinder aus den Betten geholt und gewaschen/angekleidet bzw. dazu angeleitet, es selbst zu tun, was mitunter eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen kann. Dem Frühstück, das gegen 8:00 Uhr startet, folgt, wenn wir zeitig fertig werden (was in der Regel nicht der Fall ist), ein Bisschen Wäsche aufhängen, ehe die Kinder von 9:00 bis 12:00 Uhr in die Schule gehen. In der gleichen Zeit bin ich zwei Mal wöchentlich als "Class helper" in der Schule, je ein weiteres Mal koche bzw. helfe ich anderweitig im Haus (z. B. mehrere Waschmaschinen täglich). Nach dem Mittagessen und den kleinen Arbeiten, bei denen die Kinder helfen (Tische abdecken und wischen, Fegen, Abspülen, Wäsche) ist von ca. 13:20 bis 14:45 Uhr Mittagspause. Um 15:00 Uhr gehen die Kinder (und wir) eine weitere Stunde in die Schule. Der Rest des Nachmittags steht für verschiedene Aktivitäten zur Verfügung: z. B. Milch holen, spazieren, in die Bibliothek oder auf den Spielplatz gehen, Malen, Abendessen vorbereiten. Nach dem Abendessen (18:00 Uhr) werden die Kinder ins Bett gebracht, was nicht selten bis nach 20:00 Uhr dauert. Die Wochenenden sind zum Glück entspannter. Am Samstag wird vormittags geputzt und abends gibt es einen "Bible supper", d. h. warmes Essen in einer feierlichen Stimmung. Am Sonntag Morgen besuchen die Kinder einen kurzen Gottesdienst im Camphill und am Nachmittag machen wir meist Spaziergänge (z. B. auf den Hausberg, das "Cross") oder kleinere Ausflüge, beispielsweise an den Strand oder die Lagune. Dazu kommt, dass jeder je ein Mal mittags und nachts auf die Kinder aufpassen muss sowie einmal wöchentlich ein Abend ("House evening") genutzt wird, um über alle möglichen Probleme (Organisatorisches, Verhalten der Kinder, anstehende Events und Änderungen, ...) zu reden. Insgesamt macht das durchschnittlich ca. zwölf Arbeitsstunden pro Arbeitstag, d. h. etwa 74 Stunden in der Woche, wenn man die Zeiten, in denen man mit "seinen" Kindern beschäftigt ist, als Arbeitszeit ansieht, was man besser nicht machen sollte. Zur Erholung haben wir einen Tag pro Woche frei, den ich meistens auch gebrauchen kann. Was ich an meinen freien Tagen und an unserem freien Wochenende bisher unternommen habe werde ich im nächsten Rundbrief berichten.
Die Arbeit mit den Kindern verlangt eine Menge an Aufmerksamkeit (Walter) und Geduld (Thabo). Diese Aufgabe zu übernehmen, hilft mir aber zugleich, kleinere Tiefs zu überwinden und erfordert immer wieder auch meine eigenen Interessen zurückzustellen. Es ist schön zu sehen, wie ich durch meine Arbeit die Entwicklung "meiner" Kinder positiv beeinflussen kann - in dem Alter, in dem meine Kinder momentan sind, lässt sich sicherlich noch einiges verbessern.
So viel für's Erste aus Hermanus, Südafrika.
Mit freundlichen Grüßen
Peter L.
Hermanus, 13. November 2004
Liebe Freunde, Verwandte und Bekannte,
diesen recht lange geratenen zweiten Newsletter möchte ich mit einem Bericht füllen. Wie bereits in meinem ersten Rundbrief angekündigt, ist er dem nicht so alltäglichen Geschehen gewidmet. Vielleicht kann er einen Einblick geben in die Erfahrungen und Erlebnisse, die ich hier gemacht habe im Rahmen meiner Freizeitaktivitäten und meiner ersten größeren Reise.
Ankunft und Kulturschock?
Sonntag, 24. Juli 2004
Als ich kurz nach 23 Uhr in Cape Town landete war von der als eine der schönsten Städte der Welt geltenden Metropole außer ein paar Lichtern nichts zu sehen. Nacht, 12 °C, Regen - Winter eben.
Das Klima hier ist gemäßigt und wohl temperiert durch den atlantischen Ozean. Die Temperatur ist das ganze Jahr über erträglich.
Kulturschock?
Abgesehen vom Linksverkehr und davon, dass die Sonne hier ihren Weg über Norden nimmt, war die größte Umstellung die Gewöhnung an die gesellschaftliche Situation. Im Großen und Ganzen ist hier alles ziemlich europäisch. Man sieht hier sehr viele Weiße, denen auch weiterhin der Großteil des Landes gehört. Die Schwarzen und Farbigen wohnen im Wesentlichen in den sogenannten Townships. Dort behausen nicht wenige "Buden" aus Brettern und Wellblech.
Hier im Camphill sind sehr viele Europäer. Die meisten der jungen Mitarbeiter, die sich zu einem einjährigen Freiwilligendienst hier entscheiden sind Deutsche, zumeist Ersatzdienstleistende. Aber gibt es aber auch einige Mitarbeiter, die aus der Umgebung kommen. Sie kümmern sich hauptsächlich um die Tagesschüler sowie die Hausmeisterei.
Mit einigen der schwarzen und farbigen Südafrikanerinnen waren wir in der Township-Disko "Veronas". Wir waren die einzigen Weißen dort. Der Alkoholumsatz den die Disko an den Wochenenden macht, scheint "ganz gut" zu sein. Das war zumindest mein Eindruck. Es ist unverkennbar, dass auch hier versucht wird nach den westlichen Idealen zu leben. Viele Schwarze und Farbige besitzen inzwischen ein Handy. Ich erinnere mich an eine Reklame, die damit wirbt, dass bereits zehn der 40 Millionen Südafrikaner ein Handy besitzen. Wirklich geschockt war ich nicht, weder über die allgemeine Situation noch darüber, dass ich hier in "Klein-Deutschland" lebe. Ich hatte mich darauf eingestellt.
Im August
Inzwischen war ich bereits zwei Mal im Atlantik baden. Allmählich bricht hier der Frühling an und nach einigen ergiebigen Regenfällen beginnt auch die Vegetation zu gedeihen.
De Hoop Nature Reserve
19. bis 21. August 2004
Unser erstes "half-term", d. h. ein verlängertes Wochenende, an dem die Kinder zum größten Teil nach Hause gehen, verbringen wir mit einer Tour zum Kap Agulhas und zum De Hoop Nature Reserve. Das Kap Agulhas, das der südlichste Punkt Afrikas ist, muss man nicht besucht haben. Wir fahren dennoch hin und machen ein obligatorisches Foto. Auf der Fahrt zum Cape Agulhas vermitteln die schon hier scheinbar endlosen Weiten irgendwie ein drückendes Gefühl. Die erste Nacht übernachten wir vor den Toren des De Hoop Nature Reserves an der "dustroad".
Den zweiten und dritten Tag verbringen wir am Strand mit seinen hohen Dünen, mit Spaziergängen und -fahrten durch den Park sowie mit Grillen.
Auf der Rückfahrt fällt uns bei etwa 80 km/h auf einer ungeteerten Straße das linke Hinterrad ab. Der Wagen kommt ins Schleudern. Zum Glück kann M. ihn ziemlich gut unter Kontrolle halten und wir bleiben noch recht lange auf der Straße. Erst als wir schon um einiges langsamer geworden sind prallen wir auf die Böschung. Der Wagen hat einen Totalschaden. Wir kommen mit leichten Prellungen davon.
im August/September 2004
Hier hat der Frühling begonnen und vieles blüht. Unsere sonntäglichen Ausflüge haben immer öfter einen der zahlreichen Strände als Ziel. Die Landschaft hier ist schön. An einem meiner freien Tage mache ich eine Wanderung durch die Fynbos-Vegetation der Berge an der Küste bei Kleinmond und Betty's Bay.
Zwei Wochen später steigen wir auf den Babilonstoring (1167m), einen Berg hier in der näheren Umgebung von dem aus man einen guten Ausblick hat. Bei klarem Wetter, wie wir es hatten, sieht man bis zum Tafelberg und den Gebirgsketten am Rande der Kleinen Karoo.
Mit dem Co-Worker-Car besuchen wir an einem anderen "day-off" (freien Tag) das Kap der Guten Hoffnung und den C-Point.
Donnerstag, 23. September 2004
Hermanus
Mit dem heutigen Tag geht für mich das erste "term" (Viertel eines Schuljahres) zu Ende, d. h. auch beinahe das erste Viertel meiner Zeit in der Camphill School.
Vormittags begibt sich die gesamte Schule in die Camphill eigene Festhalle um dort den Darbietungen der Schüler zu lauschen. Die dritte Klasse führt die Geschichte von den drei Schweinchen als Theaterstück auf - die Zuschauer amüsieren sich. Auch einige Eltern sind gekommen. Sie werden ihre Kinder mit nach Hause nehmen für die zweiwöchigen Ferien. Doch es gibt auch Kinder, die nicht abgeholt werden, weil den Eltern die finanziellen Mittel fehlen oder weil sie zu weit weg wohnen. Für sie wurden im Vorfeld Mitfahrgelegenheiten organisiert. J.-L., ein Kind aus unserem Haus, hat keine Eltern zu denen sie in den Ferien gehen kann. So bleibt das kleine, liebenswerte Mädchen mit Down Syndrom auch in den Ferien hier. An den ersten Tagen werden wir jungen Co-Worker uns um sie kümmern. Anschließend wird sie von T., der Mitarbeiterin, in deren Obhut sie sich in der Schulzeit befindet, in die Ferien mitgenommen.
Den Nachmittag nutzen wir um die Zimmer unserer Kinder zu putzen.
Freitag, 24. September 2004
Hermanus
Vormittags gehen die im Camphill Verbliebenen, d. h. im Wesentlichen Mitarbeiter, auf das so genannte "Wale Festival", auf dem eine kilometerlange "Welcome wale wave" die Wale begrüßen soll, die sich zwischen Juli und Dezember vor den Toren Hermanus in der Walker Bay tummeln. Die angekündigte Laola soll die längste "Wal-Willkommens-Welle" der Welt werden, wird mir gesagt. Doch nach etwa zweistündigem Warten hat sie immer noch nicht stattgefunden. Nichtsdestoweniger wird die Veranstaltung, bei der sogar ein Helikopter mit Videokamera im Einsatz war, wohl ihren Zweck erfüllt haben. Das kleine reiche Städchen Hermanus konnte sich wieder ein Mal als eine Tourismus-Hochburg des südlichen Afrikas manisfestieren, obgleich es fuer meinen Geschmack wenig Sehenswertes zu bieten hat, mal abgesehen von der schönen Küste und den Walen, von denen man in der Regel allenfalls den Rücken sehen kann. Mit Glück sieht man auch mal eine Flosse aus dem Wasser schauen oder sogar mehr... Aber sterile Küstenstädte wie Hermanus, das erst kürzlich als sauberste Stadt in Südafrika ausgezeichnet wurde, gehören eben auch zu dem was Südafrika ausmacht. Unsere Reise mit dem Ziel Lesotho soll uns auch andere Regionen und Lebensarten in Afrika näher bringen.
Samstag, 25. September 2004
Hermanus - Gansbaai
Nachdem ich einen Teil des Tages mit dem Packen meiner Sachen für unsere Reise nach Lesotho verbracht habe, stelle ich mittags fest, welche negativen Nebenwirkungen die Sicherheit eines Tresors so mit sich bringt. Mein Reisepass befindet sich noch dort, wo ich ihn zur sicheren Verwahrung hingebracht habe. Die Person mit dem passenden Schlüssel hingegen ist nicht auffindbar. Ich habe Glück: Eine meiner Mitbewohnerinnen bringt mir den Reisepass später mit nach Gansbaai, einem Ort hier in der Nähe an der Küste, wo wir in den Höhlen am Atlantik den Abschied von zwei Freiwilligen feiern. Der Abend in der Höhle nimmt einen netten Verlauf. Wir grillen, essen, trinken, singen, reden.
Lesotho Reise
Der bisherige Höhepunkt meiner Zeit im südlichen Afrika war auf jeden Fall unsere Reise nach Lesotho. Dieses Land vermittelt einem ein ganz anderes Lebensgefühl als Südafrika - sowohl durch die Lebensweise der Leute dort als auch durch die Landschaft.
Sonntag, 26. September 2004
Gansbaai - bei Calizdorp
Schon früh wache ich auf, mit den ersten Sonnenstrahlen und durch das grelle Licht sowie das Rauschen des Meeres. Jetzt zeigt sich wie schön die Küste bei den Höhlen ist.
Gegen Mittag sind wir endlich bereit für die Abfahrt Richtung Lesotho, wo wir einen Teil unserer Ferien verbringen wollen. Zu sechst quetschen wir uns in einen VW-Bus des Baujahres 1979.
Durch die weiten Getreidefelder des Western Capes geht es nach Swellendam, von wo aus wir durch eine nette Schlucht die Langeberge passieren und die Kleine Karoo erreichen mit ihren vegetationsarmen Hügeln und Ebenen. Am Horizont erheben sich die Schluchten der Swartberge, die die Kleine Karoo von der Großen Karoo abgrenzen. Am Fuße des Gebirges verbringen wir die Nacht.
Montag, 27. und Dienstag 28. September 2004
bei Calizdorp - Hanover und Hanover - Maseru
Unsere Fahrt führt über den Swartbergpass. Auf der anderen Seite erwartet uns neben einem wunderbaren Ausblick eine faszinierende Schlucht und Abfahrt in die Große Karoo. In Prince Albert hinterlassen wir unsere Freunde mit ihrem alten gemieteten VW-Käfer, der dermaßen viel Öl verliert, dass eine Weiterfahrt unmöglich erscheint. Wir selber fahren noch bis in die Nähe von Hanover, wo wir am Rande einer kargen Weide übernachten.
Die Weiterfahrt geht über Bloemfontain nach Maseru mit einem Einkaufsstop in Botshabelo, einem großen Township im Einzugsgebiet von Bloemfontain. Die Blech- und Holzhütten-Landschaft wirkt irgendwie trostlos. Ich fühle mich hier wie ein Exot, wie am falschen Platz. Dennoch habe ich mich irgendwie schon an die zwei Welten (erste und dritte) gewöhnt, die in Südafrika weiterhin existieren.
Zu unserer Verwunderung erhalten wir im Laufe des Vormittags einen Anruf von den dreien, die wir noch in Prince Albert vermuteten, mit der Mitteilung, dass sie bereits in Maseru angekommen seien. - Sie hatten noch am gestrigen Abend einen einen Ersatz-Käfer von der Autovermietung erhalten und waren anschließend die Nacht durchgefahren.
Nachmittags erreichen auch wir Maseru, die Hauptstadt von Lesotho. Schon beim Übergang über die Grenze wird mir klar, dass wir jetzt im "wirklichen" Afrika angekommen sind: Es laufen außer uns nur Schwarze herum. Auch an den folgenden Tagen, die wir in Lesotho verbringen, sehen wir ledigliech ein paar wenige weiße "Touris" und noch weniger Chinesen, die ein Restaurant (wo wir heute günstig essen) in Maseru sowie Läden in einigen größeren Orten Lesothos unterhalten. Von den Zäunen und "Pivate Property"-Schildern, die in Südafrika viele Grundstücke umgeben, ist in Lesotho außerhalb Maserus nur selten etwas zu sehen. Mit einem Schlag ändert sich auch die Mentalität der Menschen. Die Leute sind freundlich und selbstbewusst gegenüber Weißen und suchen das Gespräch. Während ich in Südafrika des Öfteren das Gefühl habe, dass man erst eine Barriere überwinden muss, ehe man ein Gepräch führen kann, merkt man den Schwarzen hier an, dass sie nicht direkt von der Apartheid betroffen waren. Die Südafrikaner, egal ob schwarz, colored oder weiß, sind meines Erachtens viel distanzierter zueinander und haben mit den Folgen der Apartheid sowie den Vorurteilen über die jeweils anderen zu kämpfen. Dies ist zumindest oft mein Eindruck... Doch zurück nach Lesotho.
Mittwoch, 29. September 2004
Maseru - Mantsonyane
Heute beginnt für uns die Fahrt durch die Gebirgslandschaft Lesothos. Schon die Vorgebirgszone mit ihren plateauartigen Bergen ist beeindruckend. Als wir auf der Auffahrt zum ersten Pass für eine Fotostopp anhalten nähert sich sehr bald ein Hirte. Seine Kleidung ist ärmlich. Er trägt eine Mütze, obwohl es eigentlich angenehm warm ist - vermutlich als Sonnenschutz. Unter seinem Umhang schaut eine baumwollene Sporthose mit über 20 cm lang aufgerissenen Löchern hervor. - Wir sind in einer anderen Welt angekommen. - Durch Gesten macht er uns verständlich, dass er gerne eine Zigarette hätte. Er bekommt sie. Er wird nicht der einzige Erwachsene bleiben, der um einen Glimmstengel bittet - das scheint hier allgemein üblich zu sein.
Wenig später gesellen sich ein paar Kinder hinzu. Sie tragen Gummistiefel oder haben gar keine Schuhe an. Sie beobachten uns aufmerksam. Mit der Zeit werden sie zutraulicher und fragen nach Süßigkeiten. Auch auf der weiteren Fahrt werden uns die Rufe "Give me sweets/money!" der am Straßenrand stehenden Kinder begleiten.
Als wir oben am Bushman's Pass (2226m) ankommen haben wir zum ersten Mal Sicht auf die Highlands von Lesotho, durch die wir in den nächsten Tagen eine Runde fahren werden.
In Setibing zwingt uns eine feste Straßensperre zu einem Halt. Ich erinnere mich, dass mir zu Ohr gekommen ist, dass so nach gestohlenen Autos gesucht wird. Der Polizist ist freundlich, wir wechseln ein paar Worte mit ihm. Nachdem wir einen kurzen Bogen ausgefüllt haben, geht die Fahrt weiter.
Mit der Dämmerung kommen wir in Mantsonyane an, das in einem Hochtal liegt. Dort reißt der Seilzug der Kupplung des alten VW-Busses, mit dem wir unterwegs sind. In Kürze sind wir von einer Schar Kindern umringt. Zwei Männer bieten an zu versuchen, die Kupplung morgen früh zu reparieren. Auf Anfrage nach einer Campingmöglichkeit weist man uns ein Stück Wiese zu, unmittelbar neben der Polizeistation, vor der die ganze Nacht ein Gefangener sitzt. Franz berichtet später, dass der Polizist ihm gesagt habe, dass es hier als Verbrechen Viehdiebstal, Vergewaltigungen, Morde gäbe. Dennoch macht das Dorf einen sicheren Eindruck. Die Menschen sind allgemein in Lesotho so offen, interessiert und freundlich, dass man ihnen keine bösen Absichten zutrauen würde... Während wir unser Vier-Mann-Zelt aufbauen spielt S. Gitarre. Ein paar Kinder und Jugendliche tanzen dazu, bis ein Erwachsener sie weg schickt.
Donnerstag, 30. September 2004
Mantsonyane - Katse
Auf meinem morgendlichen Spaziergang passiere ich einige Männer bei der Arbeit. In Lesotho hat es erst vor wenigen Tagen ergiebigere Regenfälle gehabt, wie uns die Frau im Tourismusbüro in Maseru wissen ließ. So kommt es, dass wir hier eine Menge Leute sehen, die damit beschäftigt sind, ihre Äcker zu bestellen. Gepflügt wird (noch) von einem Ochsengespann, gesät wird von Hand - die meisten Äcker sind ohnehin so abgelegen oder/und abschüssig, dass sie nicht anders bewirtschaftet werden könnten. Ein Großteil der Leute hier scheint von der Hand in den Mund zu leben; viele betreiben Ackerbau und Viehzucht.
Als ich von meinem Spaziergang zurück komme, sind die zwei Männer, die uns gestern Abend ihre Hilfe angeboten haben, bereits dabei die Stelle zu reparieren, an der die Kupplung gestern gerissen war. Sie flicken die Kupplung mit einem Stück Draht aus einem Kuhzaun und einer Zange. Die windige Konstruktion sollte tatsächlich für einige 100 Kilometer halten, doch darauf will ich später zurückkommen.
Die Weiterfahrt führt über Thaba-Tseka nach Katse. Dort bekommen wir eines der größten wenn nicht gar das größte Bauprojekt Lesotho zu Gesicht: der 180 Meter hohe Katse-Staudamm mit einer Kronenlänge von 710 Metern. In ihn wurden massig Entwicklungshilfegelder gesteckt. Mit dem "Highlands Water Project" soll Lesotho in Zukunft wirtschaftlich unabhängig werden. In seinem Rahmen sollen noch weitere große Dämme gebaut werden. Das Wasser wird zur Wasserversorgung von Johannesburg und zur Stromerzeugung genutzt. Danach, was es für Auswirkungen auf die Umwelt hat, wenn man Täler auf Dutzenden von Kilometern Länge aufstaut, fragt vermutlich keiner.
Freitag, 1. Oktober 2004
Katse - Mafika Lisiu Pass
Wir verlassen den Katse-Staudamm am späten Vormittag, nachdem ich den Morgen mal wieder für ein kleinen Spaziergang auf den nächsten Bergrücken genutzt habe. Wir "profitieren" von dem "Highlands Water Project", da wir ab hier wieder auf einer guten Asphaltstraße fahren können, die für den Bau des Staudammes angelegt wurde. Sie ist absolut nicht vergleichbar mit den schlechten Schotterstraßen, auf denen wir nach Katse gekommen sind. Wir überqueren den Katse-Stausee, jetzt etwa 30 km nördlich des Staudamms. Hier befindet sich der Eingang/Einfluss des 45 km langen Tunnels, der das Wasser in Richtung Johannesburg durch den Berg führt. Die Anlage ist kameraüberwacht.
Die Mittagsrast in Lejone nutzen zwei unserer Mitfahrer für eine besondere Erfahrung. Ein Ortsansässiger hat ihnen Gras angeboten. Daraufhin fahren sie mit seinem 4WD-Pickuptruck in einer abenteuerlichen Fahrt über Saumpfade in übelsten Zuständen zu einer Siedlung, wie sie später berichten. Mit einer großen Plastiktüte voll Gras und einem dicken Adrenalinschub kommen sie zurück - sie waren sich auf der Fahrt zeitweise nicht so sicher, ob der Typ ihnen wirklich nur Gras verkaufen wollte. Das "Zeugs" ist "spottbillig" - 20 Rand (knapp 3€) für 50 Gramm. Die Wirkung und Qualität ist, ihrer Aussage nach, dafür aber auch nicht besonders gut... Jedenfalls fühle ich mich mit diesem Gepäck im Auto und als Mitwisser nicht so wohl. Dass der Drogenkonsum, was die gesetzlichen Bestimmungen betrifft, nicht in allen Ländern so ungefährlich ist wie in Deutschland, dürfte ja bekannt sein.
Nachmittags erreichen wir das Bokong Visitor Centre am Mafika Lisiu Pass. Wir übernachten dort in bzw. bei ein paar extra für die Besucher des "Bokong Nature Reserves" eingerichteten Rundhütten, die sich in etwa 20 Minuten erreichen lassen.
Samstag, 2. Oktober 2004
Mafika Lisiu Pass - Morija
Um 5:00 Uhr klingelt mein Wecker. Am Horizont über den Highlands deutet sich schon ein heller Streifen an. Es ist kühl, es hat heute Nacht Strahlungsfrost gehabt. An einem Südhang habe ich sogar kleine Schneereste entdeckt - vermutlich von den kürzlichen Niederschlägen. Als es eine halbe Stunde später hell wird gehe ich los, mit dem Ziel die höchste Erhebung in der Umgebung zu ersteigen. Mein frühes Aufstehen wird belohnt duch die herrliche Aussicht sowohl auf die Highlands als auch auf den steilen Abriss zum Flachland Lesothos im Westen hin. Auf dem höchsten Punkt (3175m) steht eine kleine Hütte. Einer der beiden Schwarzen, die dort rumwerkeln, erzählt mir, dass es sich dabei um eine Funkstation handelt. Sie soll eine Kommunikation zwischen Thaba-Tseka im Landesinnern und Maseru ermöglichen. Somit das Erste, das er mich fragt ist, ob ich eine Zigarette für ihn hätte... Nach dem kurzen Gespräch genieße ich noch für eine Weile den Ausblick, den ich als mein Highlight der gesamten Reise bezeichnen würde, ehe ich mich wieder zurück zu den anderen begebe.
Weiter geht es über Pitseng, Hlotse (Leribe), Maseru und Mazenod nach Morija, wo wir das alljährlich stattfindende "Kunst- und Kunsthandwerkfestival" besuchen. Hier spielen verschiedene Bands verschiedene Musikrichtungen. Übernachten dürfen wir dort auf dem Gelände der US-amerikanischen "Peace Corps", mit denen wir unter anderem über die US-amerikanische (Außen-)Politik sprechen.
Sonntag, 3. Oktober 2004
Morija - Cathcart
Es ist ein heißer Tag. Die Sonne brennt. Wir vertreiben uns die Zeit auf dem Festivalgelände. Das Festival stellt sich als nicht so interessant heraus wie wir uns erhofft hatten. Als es mir langweilig wird, entschließe ich mich noch zum an Morija angrenzenden Makhoarane Plateau aufzusteigen.
Die Weiterfahren führt uns nach Malealea, das als Ponny-Trecking-Centre bekannt ist. Statt in der dortigen "Malealea Lodge" zu übernachten entscheiden wir uns, noch heute Lesotho zu verlassen.
Die abendliche Fahrt durchs südafrikanische Eastern Cape wird von einem Gewitter begleitet. Bisher hatten wir nur strahlendes und trockenes Wetter. Um Mitternacht rum halten wir an, um auf einem Rastplatz an der N6 nahe Chatcart unsere Zelte aufzubauen.
Montag, 4. Oktober 2004
Chatcart - Port Alfred
Weiter geht's entlang der N6 nach Stutterheim. Kurz nach King Williams Town reißt das geschickt, aber nicht dauerhaft geflickte Verbindungsstück der Kupplung abermals. Wir drehen um. Ein Schwarzer von der Verkehrspolizei bietet uns seine Hilfe an. Mit Blaulicht patroulliert er uns im ersten Gang und über rote Ampeln durch King Williams Town zu einer Werkstatt, zu der er immer sein Auto bringt. Die etwa 1,5-stündige Reperatur kostet uns 230 Rand (€25-30). D. h. (abzüglich des Ersatzteils) zahlen wir einen Stundenlohn von 60 Rand (unter €8), was in einer deutschen Autowerkstatt unvorstellbar wäre.
Auf unserer Fahrt zum ausgestorbenen Port Alfred durchqueren wir nachmittags die dörflichen Landschaften der Ciskei (ehemaliges Homeland), die vielmehr an das errinnern, was man sich unter Afrika vorstellt, als das westlich geprägte Western Cape (Kapregion) oder die dem amerikanischen Westen ähnelnden Weiten und Städte der Karoo. In Port Alfred sind wir wieder richtig im (weißen) Südafrika angekommen. Es handelt sich bei Port Alfred um einen Ferien- und Altersruhesitz, in dem es nur so wimmelt von Zäunen und "Armed Response"-Schildern, die zeigen dass die Grundstücke von einem der grossen südafrikanischen Sicherheitsdienste überwacht werden.
Dienstag, 5. Oktober 2004
Port Alfred - Jeffreys Bay
Den heutigen Tag widmen wir der Besichtigung des "Addo Elephant National Parks". Bei diesem "game reserve" handelt es sich um einen Park bei dem "Millionen Elefanten auf wenigen Hektar zusammengepfercht werden". Leider habe ich vergessen, welche Zahlen F. wirklich genannt hat. Aber die Aussage bringt die Situation auch so recht gut auf den Punkt: Hier gibt es massig Elefanten (374 Exemplare) und massig Autos. Nichtsdestoweniger lohnt sich dieser Abstecher, den wir in einer anderen Zusammensetzung und in einem anderen Auto, dem alten VW "Beatle", machen. Die anderen wollen lieber am Strand bleiben. Wir freuen uns über den 75-prozentigen Rabatt, den wir auf den Eintrittspreis erhalten, als wir mit Hilfe unseres Freiwilligenvisas zeigen können, dass wir in Südafrika wohnen.
Im Park stoßen wir unterwegs auf eine gigantische Herde von etwa zehn zumeist weißen Autos. Die Menschen darin schauen alle zur linken Seite hinaus. Wir gesellen uns hinzu und versuchen einen Platz im Zentrum zu ergattern. Auch wir haben Glück und dürfen zwei der ingesamt sechs Löwen dieses Parks beim Dösen beobachten.
Auf der Höhe von Port Elisabeth haben wir mal wieder eine Panne. Wenn ich alle Panne der beiden Autos während der Reise zusammenzähle, war das die vierte von fünf Pannen. M., der Fahrer des Kaefers, wird sich jetzt bestimmt kein Auto mehr mieten in Südafrika, oder zumindest keinen "beatle" mehr. Am Rande einer der Zufahrtsstraßen nach P.E., wie Port Elisabeth im Volksmund auch genannt wird, versuchen wir die Schrauben des Rads zu lösen. Eine ist zu festgegammelt. Ein Typ in einer nahen Autowerkstatt macht sie ohne Probleme auf. Anschließend macht er sich freundlich über uns lustig.
Während die anderen im Backpackers übernachten finden wir weiches Gras an einer traumhaften Flussmündung bei Jeffreys Bay als Nachtlager.
Mittwoch, 6. Oktober 2004
Jeffreys Bay - Mosselbay
Heute fahren wir, noch immer im Beatle, der berühmten Gardenroute entlang. Sie scheint sehr gut vermarktet zu werden, obwohl sie eigentlich nicht mehr als die anderen Regionen zu bieten hat. Einzig der Streckenabschnitt durch die Tsitsikammaberge beeindruckt heute. Wir entscheiden uns, die alte Straße zu fahren. Dadurch umgehen wir die Zollgebühren der neuen Straße. Der eigentliche Grund für den Umweg ist aber, dass wir so ein paar der Tsitsikamma-Schluchten, die höchste Bungeejump-Brücke der Welt sowie Nature's Valley, eine traumhafte Flussmuendung, zu sehen bekommen.
Wir übernachten in Mosselbay in einem alten Zug, der zu einem Backpackers umfunktioniert wurde. Es regnet.
Donnerstag, 7. Oktober 2004
Morgens und vormittags regnet es noch immer aus Kübeln. Schade für uns. Wir hätten unsere Reise gerne noch am Strand ausklingen gelassen. Doch die Natur braucht den Regen. Der Winter im Western Cape war sehr niederschlagsarm...
Ich schaue aus dem Bus auf die gleichen weiten Getreidefelder in der hügeligen Landschaft, in der wir unsere Reise begonnen haben. - Eine interessante und eindrucksvolle Reise nähert sich ihrem Ende.
Unsere zwölftägige Reise hat mich insgesamt 966 Rand (etwa €123), davon je 250 Rand (ca. €32) für Benzinkosten sowie für die schon vorher erfolgte Instandsetzung des VW-Busses. Insgesamt haben wir etwa gut 3200 km zurückgelegt.
Freitag, 12. November 2004
Hermanus, Camphill School
Ich sitze über den letzten Zeilen meines Rundbriefes und freue mich, dass ich ihn bald fertig gestellt haben werde. Mein Zimmer ist verdunkelt, damit ich den Monitor des Laptop besser sehen kann. Ich höre Musik, genieße es mal nicht arbeiten zu müssen und keine Kinderstimmen um mich herum zu haben. Wir haben gerade "half-term", d.h. ich habe 2,5 Tage frei. Ich kann es kaum glauben, dass ich bald schon die Hälfte meiner (Arbeits)-Zeit hier rum habe.
Draußen ist es hell. Die (Mittags-)Sonne knallt inzwischen ziemlich. Der Sommer ist eingezogen und ich muss aufpassen, dass ich keinen Sonnenbrand bekomme, obwohl ich schon recht braun bin.
Später will ich mir noch ein Auto anschauen. Wenn es klappt werden wir damit um Weihnachten herum in unseren fünfwöchigen Urlaub fahren. Sonst werde ich eben anders reisen. Ziele sind der Blyde River Canyon, der Süden von Mosambique, sowie die Drakensberge und die Transkei/Wildcoast. Mal schauen was sich machen lässt.
Mit freundlichen Grüßen
Peter L.
Hermanus, 03.03.2005
Liebe Freunde, Bekannte und Verwandte,
die Zeit vergeht wie im Fluge und mein drittes "term" (Jahresviertel) naehert sich allmaehlich seinem Ende.
Waehrend ich in meinen beiden vorhergegangenen Rundbriefen ausgiebig ueber meine Ferien berichtet hatte, ist dieser Newsletter nun meiner Arbeit in der Camphill School Hermanus gewidmet. Bei meinen Schilderungen konzentriere ich mich auf die Veraenderungen, die es bei uns im Haus gab, sowie auf Walter, der von mir betreut wird.
Bei der Lektuere wuensche ich Ihnen/euch viel Spass.
"Mein" Haus im Wandel
Das Haus, in dem ich wohne und arbeite, hat im Laufe der drei "terms", die ich dort verbracht habe, viele kleinere und groessere Veraenderungen erfahren. Bedingt dadurch, dass die meisten jungen Freiwilligen meist nur ein Jahr lang bleiben, verlaesst zum Ende eines jeden Quartals in der Regel mindestens ein "co-worker" unser Haus, der dann ersetzt werden muss. Als destabilisierend fuer die Situation in unserem Haus sollten sich auch die vielen Wechsel der Hauseltern auswirken.
In der Mitte meines ersten "terms" wurde unsere japanische Hausmutter von einem Englaender abgeloest, der zuvor 24 Jahre als Lehrer in einem Camphill in Aberdeen (Schottland) taetig war. Zum gleichen Zeitpunkt habe ich auch die Obhut ueber Thabo - einen meiner damals zwei Zubetreuenden - an eine neue Mitarbeiterin uebergeben, da es mir nicht moeglich war, sowohl Walter als auch Thabo genuegend Aufmerksamkeit zu schenken.
Waehrend meines zweiten "terms" ist dann unser Hausvater ausgeschieden auf Grund von persoenlichen Problemen. Dies fuehrte dazu, dass wir zu viert ein Haus am Laufen halten mussten, dass mit acht zu betreuenden Kindern an sich sechs Mitarbeiter benoetigte. Die meisten der Aufgaben, die bei der Organisation des Hauses anfielen, uebernahm unsere aelteste Mitarbeiterin T., die zum Ende des "terms" nach Deutschland zurueckkehrte. Am Ende des Quartals waren wir alle froh endlich Ferien zu haben.
Auf Grund der kurzfristigen Absage der angekuendigten neuen Hausmutter zeichnete sich fuer mein Haus ein neues Problem ab. Da bis zum Ende der Weihnachtsferien kein Ersatz fuer sie gefunden werden konnte, uebernahm G., der Lehrer der zweiten Klasse, die Leitung von "meinem" Haus. Inzwischen haben wir wieder eine Hausmutter, die fuer eine Uebergangsphase gemeinsam mit G. das Haus organisiert.
So hat es sich ergeben, dass Ibis in der Zeit, in der ich dort war, fuenf verschiedene Hauseltern hatte und ich nach einem halben Jahr der am laengsten in meinem Haus residierende Mitarbeiter war. Fuer die Zukunft hoffen und erwarten wir eine stabilere personelle Struktur und mehr Kontinuitaet.
Seit Beginn des dritten "terms" ist in "meinem" Haus ruhiger geworden. Das ist einerseits darauf zurueckzufuehren, dass zwei unserer Kinder - darunter auch der von mir fuer vier Wochen betreute Thabo - in ein anderes Haus umgezogen sind. Andererseits hat G. unsere Kinder sehr gut unter Kontrolle. Seit dem Beginn diese "terms" sind wir nur noch zwei Deutsche in "meinem" Haus. Unser sechskoepfiges Team wird neben unserem Hausvater komplettiert durch eine Englaenderin, eine Daenin und unsere weisse, in Sambia aufgewachsene Hausmutter. Ein positiver Nebeneffekt der besseren personellen Besetzung unseres Hauses ist, dass unsere Arbeit entspannter geworden ist. Bis auf die Tatsache, dass wir ab und an vormittags eine Stunde frei haben, hat sich an unserem Tagesablauf und Arbeitszeiten nichts Wesentliches geaendert, verglichen mit den Schilderungen in meinem ersten Rundbrief.
Walter (Name geaendert)
Wie ich bereits in meinem ersten Rundbrief geschrieben hatte, leidet Walter, der acht Jahre alt ist, unter dem so genannten Praenatalen Alkohol Syndrom (FAS, Fetal Alcohol Syndrom). Das heisst unter anderem, dass sein Gehirn auf Grund des uebermaessigen Alkoholkonsums seiner Mutter waehrend der Schwangerschaft in Mitleidenschaft gezogen wurde. Walters Emotionen und sein Moralbewusstsein sind sehr wenig ausgepraegt. Oft ist es sehr offenkundig, dass er lacht, weint oder bestimmte Dinge sagt, um bei seinen Betreuern eine bestimmte Reaktion auszuloesen. Es ist faszinierend zu sehen, wie gut er andere Kinder und Erwachsene nachahmen kann. So lernt er sehr schnell, welche Reaktion in welcher Situation angebracht ist und wie er etwas Bestimmtes erreicht. Beispielsweise sagt er vielen Leuten, denen er begegnet, dass er sie liebt und dass sie schoen sind, weil er weiss, dass er so Aufmerksamkeit und Zuneigung bekommt.
Es ist interessant zu sehen, dass Walters Entwicklung und Verhalten sehr von seinem Umfeld abhaengen - also insbesondere von G., seinem Lehrer und jetzt auch Hausvater, und mir. So hatte der Einzug von G. mit seiner Striktheit in unser Haus einen positiven Einfluss auf Walters Verhalten.
Bei der Erziehung von Walter sind zwei Grundsaetze von fundamentaler Bedeutung. Einerseits muessen ihm feste Grenzen gesetzt werden. Er muss wissen, dass er beim Ueberschreiten jener mit einer Konsequenz zu rechnen hat, und zwar immer, weil er sonst anfaengt die Grenzen auszutesten. Andererseits gilt es seiner Hyperaktivitaet und Abgelenktheit beizukommen, indem man ihn staendig beschaeftigt. So ist es moeglich sehr effektiv zu vermeiden, dass er "out of control" geraet. Wenn der dennoch ausser Kontrolle geraet, aeussert sich das in der Regel durch laengere "Lachanfaelle" und destruktives Verhalten, z. B. Beschaedigung von Spielsachen, Buechern und Geschirr.
Da man bekanntlich Veraenderungen oft nicht so stark wahrnimmt, wenn man einem Prozess selbst beiwohnt, faellt auch mir Walters positive Entwicklung nicht so sehr auf. Nichtsdestoweniger lassen sich im Rueckblick fuer mich viele Fortschritte in Walters Verhalten feststellen, die zweifellos sehr schnell wieder zurueckschreiten, wenn man ihm die Sicherheit nimmt, die ihm durch den Bestand fester Grenzen gegeben ist.
Ich moechte im Folgenden nur ein paar anschauliche und pregnante Beispiele fuer Walters Weiterentwicklung anfuehren:
Als ich anfing Walter zu betreuen war es normal, dass er zwischen 4:30 und 6:00 Uhr aufwachte und dann von seinem Gang ins Badezimmer nicht wieder in sein Zimmer zurueckkehrte, sondern das Zimmer unserer beiden juengeren Maedchen aufsuchte. Dort konnten wir dann im schlimmsten Fall die Haare seiner bevorzugten Spielkollegin mit Creme vollgeschmiert vorfinden. Nach derartigen Zwischenfaellen entschlossen wir uns, Walter in ein Zimmer im hintersten Winkel des Hauses einzuquartieren. Die "Nachtwache" durfte von nun an vor seiner Tuere schlafen, um sicherzustellen, dass Walter nach der Erledigung seiner Beduerfnisse auch wieder in sein Zimmer zurueckkehrte. Inzwischen schlafen wir alle wieder jede Nacht in unseren Zimmern und muessen Walter auch nicht mehr am fruehen Morgen davon abhalten, seine Mitbewohner aufzuwecken.
Abends schlaeft Walter jetzt in der Regel sehr schnell ein, waehrend er frueher oft noch mit seinen Hausschuhen oder - nachdem ihm diese weggenommen wurden - seinen Faeusten wild an das Brett trommelte, das sein Fenster nachts verdunkelt. (Die Gardinen waren entfernt worden, da sie von ihm runtergerissen wurden.) Auch die Ausstattung seines Zimmers ist vielfaeltiger geworden. Waehrend er anfangs praktisch gar nichts in seinem Zimmer hatte, befinden sich jetzt Tierbilder, ein Foto seiner Eltern, ein Tisch und zwei Stuehle in seinem Zimmer. Seinen Schrank muss ich nicht mehr abschliessen.
Ausserdem haben sich seine Tischmanieren gebessert - das Essen bleibt jetzt in seinem Mund und verlaesst diesen nur noch in Richtung des Verdauungstraktes. Seinen Teller bzw. seine Schuessel schmeisst er nicht mehr nach schraeg links hinten vom Tisch. Seine Konzentrationsspanne ist laenger geworden, er kann sich in der Mittagspause alleine beschaeftigen - wenn er will - ohne dabei destruktiv zu werden. Er ist unabhaengiger geworden, was die Verrichtung von leichteren Taetigkeiten anbelangt, fuer die er anfangs noch eine vollkommende Ueberwachung bzw. Anleitung benoetigte ("Jobs", Zaehneputzen, Hygiene, ...).
So viel zu meiner Arbeit.
Letztes Wochenende war bei uns "half-term weekend", d. h. "Halbzeit" in der Mitte des langen ersten "terms" 2005. Die meisten Kinder waren ueber das Wochenende zu Hause bei ihren Eltern und wir konnten zweieinhalb schoene Tage in Kapstadt und auf der Kaphalbinsel verbringen. Ich bin entlang der schroffen Kueste geradelt. Gemeinsam haben wir den Tafelberg bestiegen und das Nachtleben Kapstadts erkundet. So konnten wir mit neuer Energie in die zweite Haelfte des "terms" starten.
Mit freundlichen Gruessen,
Peter L.
Hermanus, 11.04.05
Liebe Freunde, Bekannte und Verwandte,
wieder einmal berichte ich von der Suedspitze Suedafrikas, wo allmaehlich der Winter anbricht. Nicht, dass wir hier massig Schnee haben, wie das in Deutschland vor Kurzem der Fall war. Nein, dafuer hat es hier jetzt jedoch drei Tage fast am Stueck geregnet, das Rinnsal, das Camphill durchquert, ist zu einem reissenden Baechchen angeschwollen und die Regenrinne, die um unser Haus fuehrt, ist mit Sand zugespuelt worden - aber irgendwann muessen die 3000 mm Niederschlag ja auch fallen, die in den Bergen oestlich von Kapstadt durchschnittlich pro Jahr gemessen werden.
Vor gut einer Woche haben hier die dreiwoechigen Schulferien begonnen. Wir konnten allerdings lediglich eine Woche davon freinehmen, da wir die restliche Zeit auf Grund einer internationalen Camphill-Konferenz, die hier stattfindet, anwesend sein muessen.
So sind S. und ich am Samstag, dem 02.04. auf eine einwoechige Erkundungstour durch die Kapregion aufgebrochen. Ueber Worcester und Ceres geht es nordwaerts.
Nach einer kuehlen, klaren Nacht mit einem Sternenhimmel, der mich schaudern und die Weiten des Weltalls erahnen laesst, wandern wir am folgenden Tag in den 200 Kilometer noerdlich von Kapstadt gelegenen Cederbergen. Die Sonne brennt, obwohl es bereits Anfang April ist. Nur wenige Pflanzen wachsen zwischen den bizarren Felsbloecken und -formationen fuer die die Cederberge bekannt sind. Durch den Wolfberg Crack einen 30 Meter tiefen Spalt, der zum Teil so eng ist, dass ich den Ruchsack abnehmen muss, besteigen wir ein Plateau, auf dem jahrtausende (jahrmillionen?) lange Erosion haushohe Felsformationen geschaffen hat. Ueber eine Stunde gehen wir durch die karge Berglandschaft um schliesslich den Wolfberg Arch, einen 20 Meter hohen Felsbogen, zu erreichnen.
Ueber die an die englische Kuest erinnernde Westkueste (Paternoster, Vredenburg, Langebaan, Westcoast National Park) fahren wir am 04.04. und 05.04. weiter zum Camphill Westcoast, wo wir bei M., den ich von unserem gemeinsamen Vorbereitungsseminar kenne, uebernachten.
Abschliessend verbringen wir drei Tage in Kapstadt. Dort erkunden wir das Nachtleben und fahren um die Kap-Halbinsel: Wir besuchen den botanischen Garten "Kirstenbosch" von Kapstadt, in Simon's Town eine Pinguinkolonie sowie touren an der wilden Kueste auf der Westseite der Halbinsel (Chapman's Peak Drive, Bild 249) zurueck nach Kapstadt. Ausserdem besichtigen ich zwei Museen, das South African National Museum und das Distrikt Six Museum. Das District Six Museum zeigt Ausstellungen ueber den sog. Sechsten Bezirk Kapstadts sowie dessen Geschichte und Einwohner. Der Distrikt Six war eine Wohngegend nahe des Zentrums Kapstadts in der verschiedene Ethnien (so viel ich weiss vor allem sog. Coloreds und Malaien) zusammen gewohnt haben und in dem eine Menge Kultur herrschte, bis sie waehrend Apartheidzeiten (Anfang der 80er) von Bulldozern dem Erdboden gleich gemacht wurde - so wie Westbank/Gaza heutzutage.
So viel aus der Camphill School Hermanus, wo die Paviane den Gemuesegarten ernten, weil sie keine Nahrung mehr finden seitdem der unsere Einrichtung begrenzende Wald mit den aus Australien (!) stammenden Eukalyptusbaeumen abgeholzt wurde. Paviane gibt es hier naemlich wie in Deutschland Tauben - oder beinahe so oft. Kritisch wird es nur, wenn sie abends ueber unser Hausdach laufen, weil Walter dann Angst hat und nicht in seinem Bett bleiben will. Aber momentan sind ja noch Ferien...
Mit freundlichen Gruessen
Peter L.
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